Eine Gemeinde auf dem Weg

Beziehungssucht

Wer Halt im andern Menschen sucht und gefunden hat, für den entsteht eine Katastrophe, wenn dieser Halt in irgendeiner Weise erschüttert wird.

Der Mensch, der alles auf einen andern Menschen setzt, kommt in tödliche Bedrohung, wenn die Beziehung in eine Krise gerät. Dann kommt sein Fundament ins Wanken, dann wird ihm alles entzogen, der Boden unter den Füssen weggezogen. Es ist für ihn eine Katastrophe.

Das ist der Grund, warum Menschen selbstmordgefährdet sind, wenn eine Beziehung kaputt geht.

Suizidversuche aufgrund von Beziehungskrisen sind ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Beziehung ungesund war, dass der Halt im andern, ein absoluter Halt geworden ist und dass der Mensch nicht aus sich heraus oder aus Gott zu leben vermag.

Hüten wir uns davor, den andern Menschen zum Gott zu machen, hüten wir uns davor, den Halt im andern Menschen zu suchen.

Es ist wichtig, dass wir in uns selbst und in Gott gegründet sind, erst dann können wir andere Menschen lieben, dann sind wir nicht mehr darauf angewiesen, sie zu „haben“.

Sein statt Haben.

Das ist eine der Botschaften, die ich rüberbringen möchte. Es ist wichtig, dass wir in unserem eigenen Sein verankert sind. Wenn unser Leben nur eine Berechtigung im Haben hat, dann ist es ein verlorenes Leben. Es ist ein Leben ohne wirkliches

Brauchen wir Menschen?

Natürlich braucht jeder Mensch den Menschen und dennoch, wenn wir ihn haben „müssen“, weil wir ohne den andern nicht auskommen, dann sind wir gefangen, dann sind wir abhängig.

Beziehungsabhängigkeit ist eine der größten Abhängigkeiten und gleichzeitig eine der verdecktesten. Sie wird erst offenbar, wenn ein Mensch durch irgendwelche Umstände den andern Menschen verliert und dadurch eine Existenz und Sinnkrise durchmacht.

Es ist wirklich problematisch, wenn wir unsere Existenz auf einen andern Menschen aufbauen.

Natürlich brauchen wir Liebe, wer braucht keine Liebe. Natürlich brauchen wir Geborgenheit, wer braucht keine Geborgenheit.

Und dennoch, es gibt keinen Zustand, der uns diese Liebe und diese Geborgenheit sichert.

Alle Menschen, bei denen wir jetzt ein Zuhause haben, können wir morgen verlieren.

Der Halt muss in uns selber sein. Er entsteht, wenn wir fähig werden zu lieben, wenn wir nicht davon abhängig sind, Liebe von außen zu bekommen, sondern wenn wir es lernen, selber Liebe zu schenken. Dann bleiben wir im Stromkreis der Liebe. Auch dann, wenn andere uns verlassen, wenn wir allein gelassen werden. Der Schlüssel zur Liebe ist dann in der eigenen Hand.

Die Lebensdimension der Liebe geht uns nicht verloren, wenn uns bestimmte Menschen verloren gehen. Die Liebe wird in uns frei, wenn wir selber lernen zu lieben.

„Gib dem Hungrigen kein Brot, sondern lehre ihn Brot zu backen“. Wir alle kennen diese Aussage, die die Menschen in der „dritten“ Welt betrifft.

Wir wissen, dass ihnen nur wirklich geholfen wird, wenn sie es lernen, sich selbst den Lebensunterhalt zu verschaffen.

Ähnliches gilt für uns alle. Wir können übertragen sagen: „Gib dem Menschen, der nach Liebe hungert, nicht Liebe, sondern lehre ihn zu lieben“.

Das ist der Schlüssel, dass wir es lernen zu lieben.

Nicht, dass wir darauf angewiesen sind, geliebt zu werden.

Natürlich brauchen wir es, geliebt zu werden. Doch irgendwann ist es wichtig, dass wir selber Liebende werden. Dass unsere Seinsberechtigung nicht davon abhängt, ob andere uns mit der Sonne der Liebe umgeben.

Der Schatz der Liebe liegt in uns selber. Wir haben die Gabe der Liebe. Und diese Gabe wird frei, wenn wir uns auf andere Menschen einlassen. Sie kann frei werden, wenn andere uns diese Liebe schenken. Aber sie wird auch frei, wenn wir andern diese Liebe schenken.

Ich habe keinen Einfluss darauf, dass andere mich lieben. Ich habe keinen Einfluss darauf, dass andere mich nicht in irgendeiner Lebenssituation mal im Stich lassen. Ich habe keinen Einfluss darauf, dass Situationen in meinem Leben entstehen, in denen ich allein gelassen werde, aber ich habe Einfluss darauf, dass ich selber liebe, dass ich auch dann liebe, wenn ich nicht geliebt werde, dass ich dann mich auf andere Menschen einlasse, auch wenn ich von andern Menschen alleingelassen werde.

Liebe kann fließen, solange ich selber ein Liebender bin. In mir selbst liegt der Schlüssel der Liebe.

Liebe Schwestern und Brüder, ich kann beobachten, dass viele Rückfälle in die Drogenabhängigkeit oder in Alkoholismus mit Beziehung beginnen. Nicht die Beziehung ist in sich das Problem, sondern die Suchtverlagerung. Der Glaube, dass es einem gut geht, wenn wir nur einen Menschen für uns haben. Das ist eine furchtbare Illusion, die meistens irgendwann auffliegt.

Es ist ein Unterschied, ob ein Mensch sich auf einen andern einlässt und ihn liebt um seinetwillen oder ob er den Halt für seine Existenz im andern sucht.

Das ist die Falle, in die wir geraten können.

Mancher, der zum Leben aufgebrochen ist, setzt sein Leben wieder aufs Spiel, wenn er sich auf einen andern Menschen fixiert.

In manchen Menschen lauert diese Illusion, wenn er nur einen anderen gefunden hat, der für ihn da ist, dass dann sein Leben grundlegend anders wird.

Das ist eine Täuschung, die meist in der Regel ganz konsequent mit einer entsprechenden Ent- täuschung endet.

Der Mensch ist kein Halt, der Mensch ist kein Gott. Der andere ist genauso schwach wie du, er ist genauso schwach wie ich.

Jeder Mensch kann wanken, auch der, der mal ein Jawort gegeben hat.

Es gibt keinen absoluten Halt außer Gott.

Wie viele Menschen flüchten sich in die heile Welt einer Beziehung. Wie viele vernachlässigen andere Beziehungen, weil sie scheinbar den Partner fürs Leben gefunden haben und weil dieser eine Mensch ihnen genügt. Ihn wollen sie haben, nach ihm greifen sie, ihn besitzen sie. Und wehe, wenn er ihnen verloren geht.

Alle Beziehungen verkümmern und ihr ganzes Leben kommt in eine tiefe Krise, wenn diese eine absolute Beziehung wankt, wenn es zu einer Krise zwischen den Partnern kommt.

Erst heute Abend habe ich einen Anruf bekommen, wo mir eine Frau von der Krise ihres Mannes erzählt hat, der wieder Alkoholprobleme hat und bei dem die Drogenkarriere wieder zu beginnen scheint. Er hat Halt in ihr gesucht und dann gab es Probleme, dann reicht der Halt nicht mehr.

Wenn der Halt nicht im Menschen selber ist oder in Gott, dann kommt alles ins Wanken.

Kein Mensch kann der absolute Halt für den andern Menschen sein.

Wir müssen es ganz offen sagen, wer den Halt im Menschen sucht, der ist abhängig, der ist süchtig. Es ist eine Suchtverlagerung.

Manche Drogenabhängige sprechen es deutlich aus: „Wenn ich eine Frau habe, die für mich da ist, dann brauch ich keine Droge mehr.“

Die Frau als Ersatz für die Droge, die Frau als Droge.

Natürlich kann die Liebe seiner Frau einen frei von Drogen machen, einem helfen, wieder in das Leben, in die Dimension des Lebens hinein zu kommen. Gefährlich wird es aber, wenn der Partner Ersatz für die Droge wird, wenn es so quasi um ein Umsteigen, von einer Sucht auf die andere, geht.

Auch der Mensch kann Suchtmittel sein. Der Mann als Sucht, die Frau als Sucht. Der Mann als Droge, die Frau als Droge.

Wir sollten wachsam sein, dass wir einander nicht missbrauchen, dass wir nicht einander zu Drogen machen.

Wir sind mehr wert als eine Droge zu sein, mehr wert als ein Ersatz für eine Droge.

Wir sollten autonom sein und uns als autonome Menschen begegnen.

Es ist gut für den Menschen, den Halt in sich selbst zu finden. Es ist gut für den Menschen, den Halt in Gott zu finden, dem lebendigen Gott.

Es ist gut, den Halt in den Wurzeln zu suchen und es ist trügerisch den Halt in den Zweigen zu erwarten. Menschen sind uns wohl geschenkt als vorübergehender Halt, zum Beispiel unsere Eltern. Doch wenn wir erwachsen geworden sind, dann ist es wichtig, dass wir uns selbst verankern können, dass wir selber Halt geben, Familie gründen, Liebe, die wir empfangen haben weitergeben.

Unser Grund ist Gott, es ist ein fester Grund.

Wenn wir das erfassen wissen wir, dass es kein maßloser Anspruch Gottes ist, wenn er sagt, „ ich bin der Herr dein Gott, sonst niemand“.

Er spricht nur eine nackte Tatsache aus und macht uns bewusst, wie sehr wir uns verirren, wenn wir dieses Wissen außer acht lassen.

Es gibt nur einen Gott, sonst niemand.

Es gibt nur einen wirklichen Halt, das ist Gott, der lebendige Gott, von dem unser Leben kommt und zu dem es zurück will.

Er ist unser Halt, er ist unsere Quelle. Nicht der Mensch ist die Quelle, aus der wir leben, Gott ist die Quelle.

Täuschen wir uns nicht, auch wenn wir menschliche Liebe brauchen und empfangen und wenn menschliche Liebe uns die Kraft gibt.

Woher kommt diese menschliche Liebe?

Auch sie kommt von Gott.

Der Mensch kann letztlich aus sich heraus nicht lieben. Es ist eine Gnade lieben zu können.

Und wir können es zumeist nur dann, wenn wir selbst zuerst geliebt worden sind. Sei es von Gott, sei es durch Menschen.

Durch die Liebe anderer, durch diese Gnade, bekommen wir Bestätigung für unsere eigene Existenz und unsere eigene Gabe zu lieben wird frei. Wir sind angewiesen auf Gott. Das ist gut so.

Es ist anders als das ungute Angewiesensein auf Menschen.

Natürlich sind wir auch auf Menschen angewiesen, aber sie können uns nicht der Halt sein, sie können nicht das Fundament für unser Leben sein.

Ich hab erkennen dürfen, dass im Tiefsten ich auch die menschliche Liebe von Gott empfange, dass auch menschliche Liebe eine Gnade ist, ein Geschenk, nicht etwas, was ich mir sichern kann.

Ich kann mich nach dieser Gnade ausstrecken, kann empfangsbereit sein, indem ich Menschen offen begegne, aber ich kann sie nicht greifen, ich kann sie nicht besitzen.

Br. Jan Hermanns

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