Eine Gemeinde auf dem Weg

Bereit für den Erlöser

Die Fastenzeit ist eine Zeit der Wüste.

Sie erinnert uns an die 40 Tage, die Jesus in der Wüste verbracht hat, um sich für seine Sendung, für sein öffentliches Wirken und letztlich auch für das Erlösungsgeschehen zu bereiten.

Er hat auch äußerlich die Welt verlassen, um sich ganz dem Vater auszuliefern. Er ist in die Einsamkeit gegangen, sich ganz auszustrecken nach dem Vater, um seine Gegenwart zu suchen in der rauen Welt der Wüste.

Das ist kein einfacher Weg, auch ein Weg mit vielen Bedrängnissen.

Wir wissen es, dass selbst unser Herr und Heiland von Satan versucht worden ist. Auch er musste Versuchungen standhalten.

So geht es auch dem, der sich zurückzieht von der Welt, um da zu sein für Gott. So geht es jenem, der auch in ein körperliches Fasten eintritt.

Manchmal kommt es uns so vor, als würden die Anfechtungen zunehmen. Wir denken viel mehr als sonst an Dinge, die nicht gut für uns sind.

Ja, es kommt vor, dass wir sexuellen oder anderen Versuchungen stärker als sonst ausgeliefert sind. Das sensibel-werden, ist auch ein empfindlich- werden, für das, was nicht gut ist, es kann einen Kampf bedeuten, ein Reinigen.

Wir stehen zwischen zwei Welten, diese Welten prallen aufeinander.

 All das Ungute, das in uns verborgen ist, scheint hoch zukommen und sich aufzubäumen. Es drückt sich nicht selten aus, wenn es ans Licht Gottes gehalten wird.

Fastenzeit – Zeit der Reinigung, Zeit der Läuterung, Zeit der Bereitung für den  Herrn.

Die Finsternis bäumt sich auf, wenn sie ins Licht Gottes gehalten wird. Alles, was dunkel in uns ist, tobt,  wenn wir uns Jesus zuwenden, uns nach ihm ausstrecken.

Die Vergangenheit kommt ans Licht, vielleicht all das, was wir verdrängt haben, nicht zugelassen haben.

Liebe Schwestern und Brüder, weichen wir nicht zurück!

Folgen wir nicht den Spannungen, die uns dazu bringen wollen, wieder alles zu verschließen und uns dicht zu machen.

Halten wir den Kampf aus, bleiben wir in der Gegenwart unseres Herrn. Auch wenn es noch so in uns tobt, verlassen wir nicht die Nähe unseres Erlösers.

In seiner Nähe werden wir frei, in seiner Nähe werden wir gereinigt und geläutert. Die Finsternis muss weichen, wenn wir in seiner Nähe sind und sein Licht bricht in uns durch. Wir selbst werden Licht, in seinem Licht.

Geben wir Gott Raum, liebe Schwestern und Brüder. Geben wir ihm besonders Raum in dieser Fastenzeit. Es soll eine Gnadenzeit sein.

Eine Zeit der Bereitung, auch für uns, so wie die Zeit in der Wüste für Jesus Bereitung war. Die Zeit, in der alles unwichtig werden soll, wo nur Gott wichtig sein soll. Eine Zeit, in der wir uns von den Nebensächlichkeiten abwenden und uns unserm Herrn und Gott zuwenden.

Fastenzeit soll eine Zeit werden, in der wir bereit werden für die Begegnung mit unserem Herrn, mit Jesus, unserem Erlöser.

Nehmen wir uns Zeit, liebe Schwestern und Brüder, nehmen wir uns Zeit für Jesus, der sich nicht nur Zeit für uns genommen hat, sondern uns sein ganzes Leben hingegeben hat.

Verzichten wir auf die Welt, um Gott zu empfangen. Fliehen wir der Welt, um Zuflucht bei Gott zu nehmen.

Lasst uns die Gegenwart unseres Gottes suchen, damit die Macht der Welt in uns gebrochen wird. Lasst uns der Welt  entsagen, damit Gottes Reich in unserm Leben entstehen kann.

Wir alle haben eine tiefe Sehnsucht nach Gott, nach Gott, dem lebendigen Gott.

Doch häufig hat diese Sehnsucht keinen Raum in unserem Leben, es ist durch anderes Verlangen betäubt und überspielt.

Lasst uns still werden, damit die Stimme unserer Sehnsucht wieder vernehmbar wird. Damit unsere Seele ihr Verlangen zeigen kann, damit unser Hunger nach Gott in uns wach werden kann.

Denn wahrlich, wir sind in jener Zeit, von der geschrieben wird, dass sie kommen wird. „Die Zeit, in der die Menschen nicht haben Hunger und Durst nach Wasser und Brot, sondern nach dem Worte, dass aus dem Munde Gottes kommt“.

Dieses Wort, es ist das Wort des Lebens, das lebendige Wort.

Wie sehr hungern wir nach diesem Wort, wie fern sind wir diesem Wort, gefangen in der Welt.

„Wohin, Herr, sollen wir gehen“, sagt Petrus, „du allein hast Worte ewigen Lebens“.

„Wer vom Brot des Lebens gekostet hat, der wird vom Brot der Welt nicht mehr satt,“ habe ich einmal zu einem entlassenen Strafgefangenen gesagt, der sich in die Welt wieder zurück begeben hatte und der doch einmal von diesem lebendigen Brot gekostet hatte.

Lasst uns auf die Welt verzichten, um des Reiches Gottes willen. Lasst uns uns öffnen für die Liebe, für sein Reich.

Es gibt zwei Wege, liebe Schwestern und Brüder,

um frei zu werden. Es sind beide Wege derselbe Weg.

Der eine Weg besteht darin, das Nebensächliche zu verlassen, somit das Eigentliche in uns frei wird.

Und der andere Weg geschieht, wenn wir uns auf das Eigentliche einlassen und da sollte man mehr den Geschmack am Unwesentlichen verlieren. Beides sind Wege der Bereitung.

Diese beiden Wege der Bereitung für das Leben, die ich eben erwähnt habe, darf ich Ihnen am Beispiel von Drogenabhängigen verdeutlichen.

Für die einen unter ihnen ist der Schlüssel der Verzicht auf die Droge.

Wenn sie auf die Droge verzichten, dann wird das Leben in ihnen frei, dann wird die Macht der Welt, die Macht der Sucht, der Abhängigkeit, die Macht der Sünde in ihnen gebrochen.

Sie erleben eine gähnende Leere, eine Leere, die einen zum Teil brutalen Kampf in ihm auslöst.

Das greifen nach den Stimulanzen, nach den Betäubungsmitteln, nach den Feelings. Und doch ist diese Leere für viele der Weg in die Freiheit.

Es kommt vor, dass Verdrängtes hochkommt, oft gerade jenes, was den tiefen Schmerz verursacht hat, der betäubt worden ist. Verletzungen von Menschen, Missbrauch, Vertrauensbrüche, Vereinsamung, Schicksalsschläge, Verlassenheit. Wenn all das hochkommt, kommt es uns vor wie eine Hölle. Jene Hölle macht der Drogenabhängige durch, wenn er Entzugserscheinungen hat, nach dem körperlichen Entzug, der psychische Entzug. Manches ist so schlimm, dass es danach schreit, wieder zugedeckelt zu werden und für den, der wirklich entschieden ist, der wirklich die Tür zum alten Leben zumacht, entsteht dadurch der Weg in die Freiheit.

Wenn er sich entschieden hat, offen zu sein, dann wird er sich öffnen. Dann wird er die Not nicht weiter in sich hinein fressen und verdrängen, wo sie Mengen von Gift in ihm ablagern, sondern er wird die Not aussprechen, ausschreien, Menschen mitteilen, Gott zurufen, herausrufen, wie Hiob sich ausstrecken nach seinem Herrn und Gott.

Das sind die Wege der Befreiung.

Die Entscheidung zur Umkehr kann in sich schon der Weg in die Freiheit sein. Die Entscheidung gegen Alkohol, gegen Droge, sein gegen Egoismus, gegen Angst und Gewalt führt zu einem großen Kampf.

Doch wenn wir treu bleiben, wenn wir klar bleiben, dann bricht das Leben durch.

Der Mensch, der sich da nicht mehr verschließt, sondern öffnet und sich mitteilt, wird die Erfahrung machen, dass das Leben wieder in ihm durchbricht, dass es viel besser ist sich anzuvertrauen, als alles in  sich hineinzufressen. Dass dieses Vertrauen Lebensgefühl bedeutet, dass es viel wertvoller ist sich mitzuteilen, auch in den Gefühlen des Leides und selber seine Gefühle wieder zu empfinden, auch die Empfindung der Freude. Dass all das viel besser ist als Feelings zu suchen, die doch nicht echt sind, die doch nicht erfüllen, die doch nur anturnen, aber uns zurück in der inneren Leere belassen.

Das Nein zur Welt kann zum Ja zu Gottes Reich, zum Echt-sein und zur Liebe führen.

Doch es gibt auch diesen anderen Weg, der nicht der Weg des Verzichtes ist, sondern der Weg der Liebe.

Auch diesen Weg habe ich bei Süchtigen erfahren. Mancher schafft es nicht zu verzichten. Jede Bemühung und Verzicht wird bei ihm nahe zu einem Krampf, verzweifeltes Machen, bei dem er immer wieder scheitert.

Es gibt Menschen, für die der Weg der Umwandlung anders verläuft. Nicht indem sie die Gefangenschaft verlassen, sondern den Weg der Freiheit gehen.

Es hört sich paradox an, aber es ist ein Weg in die Freiheit, wenn wir uns der Liebe zuwenden, wenn wir uns nach dem Licht ausstrecken.

Die Finsternis weicht in dem Maße, wie das Licht in uns lebendig wird.

Ich habe Drogenabhängige kennengelernt, die allein dadurch, dass sie von der Liebe Gottes berührt worden sind, das Joch der Knechtschaft durch die Droge von sich abschütteln konnten.

Das eigentliche Leben war in ihnen durchgebrochen. Das eigentliche Leben hatten sie erfahren. Der Sinn des Lebens war von neuem in ihnen aufgeleuchtet. Und dieser Sinn, diese tiefe Liebe, die von Gott kommt, hat die Macht der Droge überwunden und bezwungen.

Gott ist stärker als die Droge. Die Liebe ist stärker als der Tod.

Gehen wir diesen Weg der Liebe. Es ist der Weg des Herzens, der Weg der Seele. Wir sind auf diesem Weg, wenn unser Herz brennt.

Folgen wir dieser inneren Spur. Folgen wir dem Brennen unseres Herzens, so wie die Weisen aus dem Morgenland dem Stern gefolgt sind.

Folgen wir diesem inneren Stern, der in unserer Seele aufgeleuchtet hat, wenn wir dem Wahren, dem Echten, der Liebe, wenn wir Gott begegnet sind!

Es gibt manche Menschen, die dessen bewusst die Gefangenschaft verlassen, um frei zu werden.

Für andere ist es wichtig, in diese unendliche Liebe einzutauchen, damit sie den Geschmack an der Welt, an der Droge, am Alkohol, an der Sucht verlieren.

Strecken wir uns nach dem Leben aus!

Bereit für den Erlöser

Bereiten wir uns für die Begegnung mit dem auferstandenen Christus. Diese Begegnung, die durch das Kreuz hindurch geht.

Vor Ostern ist Karfreitag. Das ist den Jüngern Jesu nicht erspart geblieben und das bleibt auch uns nicht erspart.

Der Weg geht durch das Kreuz.

Auch wir erleben Zeiten der Bedrängnis und der Not, selbst Zeiten der Gottverlassenheit, wo wir mit Jesus rufen: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“.

Es gibt Zeiten, wo Gott ganz fern zu sein scheint.

Es kommt uns dann vor, als wäre er eine Illusion gewesen, eine Einbildung.

Trostlosigkeit umgibt uns. Wir sind in der Nacht, von der die Mystiker sprechen.

Und es erfordert den nackten Glauben, den Morgen zu erwarten, den Morgen der Auferstehung.

Zu glauben, dass inmitten der Wüste das lebendige Wasser wieder zu sprudeln beginnt.

Bereiten für den Erlöser, dass heißt, immer in der Nähe Gottes zu sein, in guten  wie in schlechten Tagen. Gleichmütig zu werden, wie der heilige Ignatius es uns lehrt, gleichen Mutes, Freude und Leid anzunehmen.

Das ist etwas ganz anderes als Gleichgültigkeit.

Dein Wille geschehe, das ist die verborgene Haltung, die dahinter steht.

Gott selbst weiß, was für uns gut ist.

Nicht immer ist das gut für uns, was angenehm ist, was unser Fleisch will.

Gott weiß, dass wir für unser Wachstum schwere Zeiten brauchen, aber dass uns auch leichte Zeiten geschenkt werden können.

Er weiß, wozu all das notwendig ist, auch das Schwere, das wir in unserem Leben zu tragen haben.

Vertrauen wir ihm und lassen uns nicht versuchen zu glauben, dass alles sinnlos sei, nur weil wir so empfinden.

Lasst uns Gott mehr glauben. Jesus will Vertrauen, trotz all unserer Empfindungen, die uns auch sehr täuschen können.

Glauben wir an seine Liebe!

Christus ist auferstanden!

Er ist wahrhaft auferstanden!

Das sollten wir uns am Ende der Fastenzeit, in der Osternacht zurufen.

Er ist wahrhaft auferstanden.

Aller Schrecken bleibt zurück, all unser Leid verblasst in der Gegenwart des lebendigen Gottes.

Jesus lebt!

Er hat den Tod bezwungen, auch unseren inneren Tod. Wir dürfen teilhaben an seiner Auferstehung. Er nimmt uns in das ewige Leben hinein. Wir sind berufen, Zeugen dieser Auferstehung zu sein, die in diesem Leben beginnt.

Schon in diesem Leben können wir in der Nähe und in der Beziehung mit unserem lebendigen Gott leben. Jesus lebt!

Lasst uns immer wieder von neuem auf dieses Geheimnis zugehen, auch in den Zeiten der Trostlosigkeit, wenn alles dagegen zu sprechen scheint.

Jesus ist da, auch wenn er fern zu sein scheint.

Er ist bei uns, in aller Trübsal, in aller Knechtschaft, in allem bedrängt-sein.

Wir dürfen immer wieder zu ihm Zuflucht nehmen, uns nach seinem Erbarmen, nach seiner Liebe ausstrecken.

Das möchte ich jetzt auch mit Ihnen gemeinsam am Ende dieser Sendung tun.

Lasst uns gemeinsam zu unserem Herrn und Erlöser gehen.

Jesus, wir lieben dich, doch du hast uns zuerst geliebt.

Wir hätten dich nicht erkannt, wenn deine Liebe uns nicht erreicht hätte, Herr.

Deine Liebe macht uns frei.

Sie löst die Bindungen der Vergangenheit, macht uns frei für die Zukunft, für die Gegenwart, für das Leben der Liebe.

Wir brauchen Herr, deine Liebe. Wir sind auf deine Liebe angewiesen.

Wir sind darauf angewiesen, immer wieder neu von dir in diese Liebe hinein genommen zu werden. Wir brauchen dein Erbarmen.

Br. Jan Hermanns

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.