Eine Gemeinde auf dem Weg

Rückkehr zu der ersten Liebe

Wie unsere Berufung frei werden und sich entfalten kann

Unser Leben ist erfüllt in dem Maße, wie wir unsere Berufung leben. Unser Inneres verlangt danach, das zu leben und zu entfalten, wozu wir berufen sind. Unsere Seele schreit nach Gott, und sie hungert danach, das zu leben, für das wir von Gott gebraucht werden – die Gaben zu entfalten, die in uns gelegt sind.

Wie finden wir unsere Berufung?

Die Antwort ist einfach: Wenn wir dem Ruf folgen. Dem Ruf Jesu, der zu uns sagt: Komm und folge mir nach! Und der uns auf unsere Frage, wohin es geht, einfach antwortet: Kommt und seht! (Joh. 1,35?38) Wenn wir bei Jesus bleiben, führt er uns unserer Berufung immer näher. Je mehr wir uns von Ihm bereiten lassen – je weniger wir von Ihm wieder weggehen, desto eher und mehr sind wir einsetzbar für das, wofür Er uns braucht. Je mehr wir an Sicherheiten (und eigenen Vorstellungen!) festhalten, desto weniger sind wir für den eigentlichen Ruf zu gebrauchen, wie uns die Geschichte vom reichen Jüngling zeigt.

Die innerste Berufung können wir nicht aufspüren. Sie wird uns von Gott geschenkt. Sie wird uns zuteil, wenn wir uns ganz Gott anvertrauen. Ich weiß das aus der Erfahrung meines eigenen Lebens. Nie hätte ich den Weg selber finden können, den ich jetzt gehe. Er ist mir zuteil geworden, nachdem ich das losgelassen hatte, was ich zunächst als “meinen” Weg betrachtet hatte: Meine journalistische Karriere, von der ich heute weiß, das sie mich nie ausgefüllt hätte.

Die erste Liebe als Wegweiser

Die erste Liebe ist mir dabei zum Wegweiser geworden. Meine erste Liebe waren junge Menschen aus der Drogenszene, deren Schicksal mich sehr berührt hat – ihr Ringen, ihre Verzweiflung, ihr Suchen, in dem ich mich auch selber wieder fand. Es ist eine tiefe Liebe zu ihnen in mir entzündet worden, eine Liebe, die heute, 20 Jahre später, nicht erloschen ist. Diese Liebe hat mein Leben verändert.

Freilich wäre sie wohl nicht möglich geworden, wenn eine andere – allererste – Liebe nicht vorausgegangen wäre: Die Liebe zu Jesus. Ich war im Innersten getroffen, als Er mich berührt hat. Es ist mein Verlangen geworden, Ihm zu dienen. Seine Lebensfülle, die ich empfangen durfte, weiterzugeben. Anderen zu dienen, damit auch sie den Zugang zum eigentlichen Leben erhalten, zur Liebe, die ewig währt.

Ich weiß heute, dass die Liebe zu den Gefangenen und den Menschen am Rande eine Frucht der Liebe zu Jesus ist. Je näher ich bei Ihm bin, desto mehr kann ich Menschen lieben. Je mehr ich in Ihm verankert bin, desto fähiger bin ich, zu lieben und die Liebe trotz aller Enttäuschungen und Verletzungen immer wieder zu wagen.

Frage Dich, was Deine erste Liebe ist. Und ob Du Deiner ersten Liebe zu Jesus treu geblieben bist. – Auch die Liebe zu Gott kommt, wie die Liebe zwischen Menschen, oft über das Stadium des Verliebtseins nicht hinaus. Auch sie wird im Alltag und in den Stürmen und Bedrängnissen geprüft.

Die Liebe zu den Gefangenen und den Menschen am Rande
Uns allen, die wir im Emmaus-Werk unseren Dienst tun – an welchem Platz und in welcher Berufung auch immer, verbindet die Liebe zu den Gefangenen, den Drogenabhängigen, den Alkoholikern, den Obdachlosen, den Prostituierten und Strichern, den Punks und allen Menschen am Rande. In ihnen dürfen wir Jesus entdecken und Ihm begegnen.

Diese Jesus-Begegnung im andern ist für mich die Erklärung dafür, wieso es möglich ist, dass Fremde ganz plötzlich zu Brüdern oder Schwestern werden und Menschen, die sich kaum kennen, eng miteinander verbunden sind, als wären sie Jahre miteinander vertraut. So wachsen wir zu einer geistlichen Familie zusammen, deren Fundament – da bin ich fest davon überzeugt – Jesus ist.

Die Liebe hilft uns, klein zu werden. Aber sie weckt in uns auch schöpferische Phantasie, wenn es darum geht, Wege für die Menschen zu suchen, die wir liebgewonnen haben. Dann werden wir um sie ringen, auch wenn sie geistlich nicht offen sind, und uns bemühen, sie abzuholen, wo sie stehen, und ihnen das zu geben, was sie empfangen können. Das macht es erforderlich, dass wir offen sind für neue Formen der Gemeinschaft (oder auch für Gruppenaufteilungen), wenn die vorhandenen den Menschen nicht gerecht werden, die uns anvertraut sind.

Es geht um eine Evangelisation der Liebe. Hören auf die Not der andern. Anteilnehmen an ihrem Leben. Aber auch, sie zur Umkehr, zur Entscheidung führen, die notwendig ist, damit sie aus dem Dschungel ihrer Ängste und Süchte herauskommen, aus dem Sumpf von Kriminalität und Gewalt. Sie zu Christus hinführen, wenn sie offen sind. Nie aber etwas überstülpen, auch – und schon gar nicht! – etwas Geistliches.

Die Liebe bewahrt uns davor, Funktionäre zu werden, die Programme abwickeln.

Kompass Liebe
Ja, die Liebe ist der Kompass für unser Leben – Echtheit und Liebe -, aber auch der Kompass für die Findung unserer Berufung. Die Liebe weist uns den Weg. “Liebe – und tue was du willst.”

Berufung hat mit Liebe zu tun. Wo die Liebe uns hindrängt, dort sind wir berufen, denn die Liebe kommt von Gott. Und mit der Liebe führt er unsere Wege.

Die Menschen, für die du am meisten Liebe empfindest, sind die Menschen, für die Gott dich vornehmlich beruft. (Das heißt nicht, dass du nicht auch für Menschen als barmherziger Samariter gerufen bist, die dir nicht so nahe sind. Oft spricht Gott durch die Stunde der Not.) Und ähnlich ist es mit den Aufgaben: Was wir mit der größten Liebe tun können, das ist ganz offensichtlich unser Ruf.

Ein Ruf freilich, um dessen Befreiung wir immer wieder neu zu kämpfen haben. Oft hindern uns Ängste. Dann werden wir von Sorgen oder weltlichen Dingen abgezogen. Oder wir verfallen in einen Alltagstrott, der unsere Liebe so langsam abkühlen und erkalten lässt.

Besinnen wir uns dann wieder auf unsere erste Liebe – auf das, was uns verlorengegangen ist. Vieles spricht dafür, dass wir dann wieder auf die Spur gelangen, die uns abhanden gekommen war.

Berufung heilt und befreit
Ich kann beobachten, dass Menschen, die ihre Berufung nicht leben, innerlich leer und unausgeglichen, ja oft sogar krank werden. Und es fasziniert mich immer wieder, welcher Gesundungsprozess in Gang kommt, wenn jemand zu seiner Berufung zurückfindet.

Berufung macht frei. Wer die Gaben, die Gott ihm geschenkt hat, einsetzt und lebt, ist ausgefüllt und glücklich – trotz aller Nöte, die auch er durchzutragen hat.

Ich erlebe im Emmaus-Werk, wie ehemalige Gefangene nach Jahren der Unzufriedenheit wieder frei und erfüllt werden, wenn sie zu ihrer ersten Liebe, zum Engagement für andere Leidensgenossen zurückgefunden haben. Und ich erlebe, wie Menschen, die den Ruf zu einem Leben in materieller Armut oder zu einem Leben mit den Armen haben, frei werden, wenn sie sich darauf einlassen, was der Welt so töricht erscheint.

Bei anderen erlebe ich Heilung, wenn sie sich von Gott ins Alleinsein, in die Einsamkeit mit Ihm, haben rufen lassen, um aus diesem Alleinsein den Dienst an den Menschen zu tun. Mancher verlangt nach Humus (Gemeinschaft, Partnerschaft), und doch wird er erst glücklich in der Wüste der Einsamkeit vor Gott, wenn er ganz losgelassen hat – bereit, die Liebe zu schenken, die er lange zu erlangen suchte.

Die Nähe Jesu macht frei, ob du zu Ehe, Familie oder Ehelosigkeit berufen bist. Ob für Gemeinschaft oder praktischen Dienst, für Evangelisation oder soziales Engagement. Wo die Liebe dich hinführt, da bist du richtig.

Br. Jan Hermanns

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