Eine Gemeinde auf dem Weg

Jesus liebt die Gefangen

Es ist eigenartig, aber es ist so: Jesus liebt die Sünder. Jesus liebt die Menschen, die gefangen sind in Sünde und Schuld. Er eilt denen nach, die sich dem lebendigen Gott abgewandt haben, und die nun von der Finsternis ergriffen sind. Der Hirte eilt nach dem Schaf, das verloren gegangen ist. Und Er kämpft sich durch das Dickicht und Gestrüpp der Sünde hindurch, um Dich zu erreichen.

Jesus will Dich befreien. Jesus will Dich erlösen. Unablässig steht Er vor Deiner Tür und klopft an (Off.3,20). Denn Er will, dass keines verloren gehe – keines der Schafe, keines der Menschenkinder, die Er so sehr liebt.

Ich weiß, dass Jesus die Sünder liebt, denn Er selbst hat diese Liebe zu den Sündern in mir geweckt. Er hat mich in die Gefängnisarbeit geführt, und Er hat eine tiefe Liebe zu den Gefangenen in mir geweckt – zu Menschen, die mir fremd waren, und zu denen auf geheimnisvolle Weise eine tiefe Liebe aufgebrochen ist.

Ich weiß, dass diese Liebe von Gott kommt. Sie ist nicht aus mir. Sie ist ein Geschenk Gottes, Gnade.

Diese Liebe, die in mir aufgebrochen ist zu den Gefangenen, ist ein schwacher Abglanz der unendlichen Liebe Gottes zu ihnen. Und die Traurigkeit, die mich erfasst hat, wenn einer meiner Jungs sich wieder vom alten Leben hat verführen lassen, ist ein schwacher Abglanz der unendlichen Traurigkeit Gottes über jeden Rückfall des Menschen in die Finsternis.

Es ist ein Kampf, ein erbarmungsloser Kampf. Dieser erbarmungslose Kampf ist um den Menschen entfesselt worden, um den Sünder, um den Gefangenen.

Die Mächte der Finsternis haben ihn in den Abgrund geführt – dadurch, dass er sich hat verführen lassen. Gott aber, der ein Gott der Freiheit ist und der uns nicht in die Liebesgemeinschaft mit Ihm zwingt, Er, der allmächtige und unendliche Gott hat dies geschehen lassen müssen. Er hat zusehen müssen, wie die Seinen sich haben verführen lassen, auszuscheiden aus der ewigen Liebesgemeinschaft.

Du stehst außerhalb der ewigen Liebesgemeinschaft, in der Welt – einem zeitlich befristeten Ort, der zwischen Himmel und Hölle angesiedelt ist. Du bist nicht mehr im Himmel, in der Liebesgemeinschaft mit Gott. Aber Du bist auch noch nicht in der Hölle, im Zustand des ewigen Todes, der ewigen Gottferne und Verlassenheit.

Die Zeit der Erde ist die Zeit, in der die Entscheidungsschlacht ausgetragen wird. Das sagen alle Verheißungen der Schrift, die über das Jüngste Gericht, über das ewige Leben und von der ewigen Verdamnis sprechen.

Jesus ist in diesen Entscheidungskampf eingetreten, weil wir Menschen zu schwach waren. Die Finsternis, die wir in uns hineingelassen hatten, war schon zu stark, als dass wir es mit eigener Kraft, mit eigener Anstrengung, vermocht hätten, aus ihr heraus zu gelangen.

Gott selbst sandte Seinen eigenen Sohn auf diese Welt – in Knechtsgestalt, wie es die Schrift sagt, in der Gestalt des Menschen -, um uns den Weg aus dem Dilemma zu weisen. Und mit der Waffe Gottes, mit der Waffe der Liebe, hat Er den Feind besiegt, der die Waffen der Gewalt, des Egoismus und der Bosheit führt.

Die Macht  der Finsternis ist gebrochen auf dieser Welt, durch Jesu Tod am Kreuz und Seine Auferstehung. Die Liebe war stärker als die Bosheit, die Gerechtigkeit stärker als die Gewalt, die Hingabe stärker als die Feigheit.

Der Feind ist besiegt. Er, der Jesus ans Kreuz hat heften lassen, heftet nun selbst am Kreuz.

Das Kreuz hat ihn besiegt. Es ist zur Waffe geworden, die den Feind zurückwirft in den Abgrund der Gottferne, in den er sich begeben hat.

Die Erde ist befreit. Die Macht der Sünde ist gebrochen. Die Erbsünde, die uns aus dem Paradies vertrieben hat (was immer sie war), hat ihren Stachel verloren. Jesus weist uns den Weg der Heimkehr zum Vater.

Wir brauchen nur eines zu tun: Umkehren vom alten Leben, die Erlösungstat Jesu annehmen.

Ja, das ist notwendig: dass wir die Erlösungstat Jesu annehmen. Erst dadurch wird sie wirksam, wirksam in unserem Leben. Denn unser Gott ist ein Gott der Freiheit. Er drängt uns die Gemeinschaft mit Ihm nicht auf. Doch Er bietet sie uns in allerletzter Hingabe an.

Den Kampf Gottes um den gefallenen Menschen durfte ich in meiner Gefängnisarbeit bewusst miterleben. Und ich durfte erfahren, dass Gottes Liebe stärker ist, stärker als alle Gewalt, stärker als alle Sucht, stärker als alle Bindungen des Bösen. Freilich: Ich habe auch erfahren, dass Gott nicht ohne uns Menschen handelt, und dass es ohne wirkliche Umkehr keine Befreiung gibt.

Die Mächte des Finsteren verlassen unsere Seele erst, wenn wir uns ganz Gott zuwenden und uns Seinem Licht aussetzen – so lange und so beharrlich, bis sie es nicht mehr aushalten. Wer nur mit dem Munde ja sagt zu Jesus und dies nicht mit dem Herzen und mit den Taten der Umkehr vollzieht, der bleibt in der Finsternis. Die Finsternis gibt ihn nicht frei.

Wie unendlich ist das Leiden unseres Gottes, der um jede unserer Seelen kämpft, und der immer wieder erleben muss, wie wir uns von Ihm abwenden und dem Bösen zuwenden. Wie unendlich das Leiden des Vaters um den Sohn, der krank und gefangen ist, und der an der Knechtschaft zugrunde zu gehen droht.

Wie phantasiereich ist die Liebe Gottes, die uns immer wieder sucht. Nur unsere Blindheit verstellt uns den Blick, dies zu sehen. Denn obwohl wir Augen haben, zu sehen, sehen wir nicht. Obwohl wir Ohren haben, zu hören, vernehmen wir nichts. Wir sind blind und erkennen nicht die Zeichen, wenn Jesus an uns vorüber geht.

Gott weckt die Liebe. Gott hat die Liebe zu Gefangenen in mir geweckt. Unbekannte Menschen, Sünder, waren mir plötzlich ganz nahe, und ich konnte eine tiefe Liebe zu ihnen empfinden, wie zu Brüdern, wie zu Söhnen.

Dies ist nicht das Ergebnis meines menschlichen Vermögens. Das ist das Ergebnis des Wunders Gottes, der diese Liebe schenkt. Wie unendlich muss Seine Liebe für die Jungs im Gefängnis sein, wenn ich, der Mensch, sie schon so lieben kann.

Diese Liebe macht frei. Diese Liebe versöhnt. Es liegt an uns, diese Liebe an uns herankommen zu lassen.

Die Erlösungstat ist geschehen. Wir müssen sie nun an uns geschehen lassen. Das ist der Schritt, den jeder von uns tun muss: Umkehren und die Erlösung an sich geschehen lassen.

Es ist wunderbar, wenn dies geschieht. Ich habe die Umwandlung von Menschen erleben dürfen, die umgekehrt sind. Dort, wo es dunkel war, wurde es licht. Die finsteren Gesichtszüge wurden hell. Der leere, hasserfüllte oder gierige Gesichtsausdruck verlor sich, und eine schöne Ausstrahlung brach durch.

Am eindrucksvollsten wirkt sich der Wandel auf die Augen des Menschen aus, die vorher starr, kalt, undurchsichtig oder feindselig waren, die aber durch die Umkehr rein wurden und eine lichte Ausstrahlung bekamen. Ja, an den Augen können wir erkennen, ob ein Mensch rein ist oder gefangen in der Sünde.

Jetzt weiß ich auch, warum Jesus die Sünder so sehr liebt. Er sieht in den finsteren, geknechteten Gestalten die verborgene Schönheit. Er sieht den verborgenen Christus in jedem Menschen, und Sein Herz strebt danach, dass dieser verborgene Christus frei wird und seine ursprüngliche Schönheit wieder gewinnt.

Ja, Du bist schön. Jeder Mensch ist von Natur aus schön, selbst der Mensch, der äußerlich hässlich erscheint. Dieser Schönheit aber werden wir durch die Sünde beraubt, durch das Böse, das uns verdunkelt. Jesus kennt uns, so wie niemand uns kennt. Er kennt jeden von uns. Er kennt jeden von uns viel besser als ich den vertrautesten meiner Jungs kenne. Und Er weiß um die Schönheit von uns, die Er in uns frei setzen will.

Wie ein Vater, so leidet Gott um das verkrüppelte Kind. Wie das Herz einer Mutter so wird Sein Herz zerrissen durch die Verstümmelung des Sohnes, dessen ursprüngliche Schönheit er kennt – jene Schönheit, die von der Seele kommt, und zu der wir zurückgelangen können, wenn unsere Seele gereinigt wird und ihre Dunkelheiten verliert.

Br. Jan Hermanns

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