Eine Gemeinde auf dem Weg

Fasten und Schweigen

Es gibt Sünden wider den Heiligen Geist, die nur durch Fasten und Gebet auszurotten sind, heißt es in der Bibel (Matt. 17,21). Welche Sünden damit gemeint sein können, erahnen wir, wenn wir es mit Zwanghaftigkeiten oder mit dämonischen Verhaftungen zu tun haben. Es gibt Mächte in der menschlichen Seele, die so gewaltig geworden sind, dass das menschliche Vermögen scheinbar nicht mehr dagegen anzugehen vermag und der Betroffene willenlos ausgeliefert zu sein scheint.

Augenscheinlich erleben wir dies z.B. bei Drogenabhängigen und Alkoholikern oder auch bei Triebtätern. Sie sind Menschen, die die Herrschaft über sich selber verloren haben und die von der Sucht bzw. vom Trieb bestimmt sind. Sie sind willenlose Objekte. Ähnlich ergeht es depressiven Menschen, die ganz ihren lebensverneinenden Empfindungen ausgeliefert sind. Oder Kleptomanen, die ihren Hunger nach menschlichen Gefühlen durch Stehlen zu überdecken suchen. Oder Frauen, die nicht mehr von der Prostitution lassen können, obwohl sie sich selbst davor ekeln und auf das Geld nicht angewiesen sind. So ergeht es schließlich auch vielen Menschen, die ihre menschlichen Sehnsüchte durch Geld und Konsum zu ersetzen suchen. Und allen, die abhängig sind, von Menschen wie von Dingen.

Die Sünde hat in der Zwanghaftigkeit konkrete Gewalt über den Menschen bekommen, der sich ihr ausgeliefert hat. Die Gewöhnung an die Sünde hat zur Zwanghaftigkeit geführt. Nicht mehr der Mensch bestimmt sein Tun, sondern er wird durch die Sünde getrieben und ist Getriebener.

Wir können aufgrund dieser Zwanghaftigkeiten erahnen, was die Bibel meint, wenn sie von Besessenen spricht. Tatsächlich ist es so, dass Menschen besetzt sind von dunklen Mächten, denen sie sich ausgeliefert haben – sei es , dass wir eine psychologische Erklärung dafür finden und von einer Ballung von Angst oder Begierde sprechen; sei es, dass wir eine geistliche Erklärung dafür haben und Dämonen in personalisierter Gestalt erkennen. Wie immer wir es uns erklären: Das Böse, dem der Mensch sich ausgeliefert hat, hat Gestalt angenommen und Macht bekommen über den Menschen, oft in rätselhafter,

unerklärlicher Weise. Bei einzelnen Menschen habe ich es in der Gestalt von panikartigen Angstzuständen kennengelernt, bis hin zur Erfahrung des Bösen im Raum, die sich bei intensivem Gebet massiert hat. In Einzelfällen konnte ich beobachten, dass Menschen bereits bei geringen Versuchen, ihr Leben zu ändern (etwa beim Nichtrauchen) in derartige dämonische Bedrängnis gerieten, von Angstzuständen bis hin zu physischer Luftabschnürung, dass sie schleunigst aufgaben und (etwa durch Rauchen) den Frieden wieder herstellten, der kein Friede ist.

 

Diese Zwanghaftigkeiten bzw. dämonischen Bedrängungen bedürfen besonderer Maßnahmen. Mit Willenskraft allein oder mit „einfachem Gebet“ sind sie meist nicht zu meistern.

Ein hilfreicher Schritt kann das Befreiungsgebet sein, der sog. Exorzismus. Es ist jedoch mit Vorsicht zu gebrauchen und sollte von jedem, der nicht kompetent ist, unterlassen werden. Uns könnte es sonst so ergehen wie jenen Männern, von denen die Apostelgeschichte berichtete, dass die bösen Geister, die sie auszutreiben suchten, sie selbst erfassten und zu Boden warfen (vgl. Apg 19, 13-17).

Es muss wirklich klar sein, dass ein solcher Schritt ansteht, und es ist Vollmacht zu diesem Schritt notwendig, die Vollmacht des priesterlichen Amtes oder jene charismatischer Begabung. Wer ohne Vollmacht ist, sollte die Finger davon lassen, denn mit diesen Mächten ist nicht zu spaßen, und wir könnten, wie gesagt, selbst ihr Spielball werden. 

 

Ich habe andere Wege kennenlernen dürfen, auf denen – auf unblutigere Weise sozusagen – diese Versklavungen bekämpft werden können. Der wichtigste Weg, den die Heilige Schrift und alle Religionen kennen, ist der Weg des Fastens.

Fasten trocknet die Dämonen aus.

Das ist die Wirksamkeit des Fastens, dass es den bösen Geistern, die einen Menschen besetzen, die Nahrung entzieht. Wir können uns einen Vampir vorstellen, der kein Blut mehr bekommt und damit immer mehr an Kraft verliert.

Deshalb hungern wir unsere Dämonen aus. Entziehen wir den Mächten, die uns beherrschen, die Nahrung, bis sie zusammenbrechen. Den Hohlraum aber, der entsteht, lasst uns ausfüllen mit Christus, dem Licht, dem die Finsternis nicht standhält.

 

Hungere Deine Dämonen aus! Wenn Du gefräßig bist, dann faste. Wenn Du süchtig bist, dann verzichte auf die Drogen, die Dich beherrschen. Wenn Dich das Nikotin dirigiert, dann werfe die Zigaretten weg. Wenn Du triebhaft bist, dann bemühe Dich in besonderem Maße um Keuschheit. Hat Dich der Konsum in der Hand, so übe Dich im Konsumverzicht. Bist Du geldgierig, so bemühe Dich darum, frei vom Geld zu werden.

Das ist das Fasten, das Deine Seele verlangt. Du sollst nicht fasten um des Fastens willen, sondern dort ansetzten, wo es bei Dir krankt.

Wenn Du von Ängsten beherrscht wirst, dann wird die Form Deines Fastens darin bestehen, dass Du Deinen Ängsten zu begegnen und zu widerstehen suchst. Kreist Du immer um Dich selber und kommst nicht mehr los von Dir, dann ist Dein Fasten die Liebe, die Loslösung vom Egoismus.

Bist Du geschwätzig und redest ständig, dann kann ein Rede-Fasten für Dich anstehen. Flüchtest Du Dich in Aktionismus und Arbeit, dann wird der Verzicht darauf, das Aushalten Deiner Unruhe, das für Dich notwendige Fasten sein. 

Biete den Mächten in Dir die Stirn. Lasse Dich nicht von ihnen einschüchtern. Trockne sie aus auf dem Wege des Fastens. Sie bäumen sich auf, je mehr Du sie bedrängst, doch wenn Du durchhältst, bricht ihr Widerstand zusammen, wie es jeder erleben kann, der diesen Weg beschreitet.

 

Eine wichtige Form des Fastens ist das Nichtrauchen. Das Nikotin ist eine subtile, verschleierte, scheinbar harmlose Droge, die uns in vielen kleinen, scheinbar unscheinbaren Dingen steuert und manipuliert, die uns verführt, zu betäuben und zu flüchten und Ersatzbefriedigungen zu suchen. Gerade in der Arbeit mit Drogenabhängigen durfte ich die Erfahrung machen, dass jene, die das Nichtrauchen schafften, entscheidende Siege gegen das Negative errungen hatten. Die Sucht war unter Kontrolle, und der Wunsch, zu verdrängen, wurde aufgedeckt.

Was aber noch entscheidender ist: Der Weg zum Leben, zum eigentlichen Leben, wurde frei gesetzt. Wer sich nicht mehr betäubt, gerät in eine Spannung, in eine innere Leere – eben jene Leere, vor der er bislang immer ausgewichen ist. Und er muss sich dieser Leere stellen, sie aushalten, sie durchstehen, bis er zu dem, was er eigentlich sucht – zum wesentlichen des Lebens – durchgestoßen ist.

Das mag zeigen, dass Fasten nicht nur ein Weg ist, die unbeherrschten Strebungen in uns zu überwinden, sondern auch ein Weg, zum Leben vorzustoßen.

 

Das macht auch ein anderer Weg deutlich, mit dem ich ebenfalls viele positive Erfahrungen machen durfte, besonders im Gefängnis: der Weg des Schweigens, insbesondere des Schweigens vor Gott.

Im Schweigen lieferst Du  Dich Dir selber und Gott aus. Du kommst zur Ruhe, zu Dir selber, doch auch all die Unruhe, die in Dir steckt, all die verdrängte Spannung, bricht auf. Die Mächte der Finsternis, die Du unter den Tisch zu kehren pflegst, melden sich und werden lebendig. Die Dunkelheiten in Dir bäumen sich auf.

Gerade sie gilt es auszuhalten. Nicht davonzulaufen. Den Widerständen in Dir standzuhalten, bis sie zusammenbrechen.

Je mehr dies betend geschieht, desto größer wird der Sieg sein. Freilich: desto größer werden auch die Widerstände sein. Denn die Mächte der Finsternis halten das Kreuz nicht aus.

Das ist eine faszinierende Erfahrung, die ich immer wieder machen durfte: dass die Dunkelheiten das Kreuz nicht aushalten, dass sie sich vor dem Gebet, vor dem Namen Jesu, winden und aufbäumen und dass, wenn wir beharrlich bleiben, ihr Widerstand zusammenbricht. (Hätte ich noch eines Gottesbeweises bedurft, dann hätten allein diese Erfahrungen mir die Realität der Wirklichkeit Jesu Christi gezeigt.)

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