Eine Gemeinde auf dem Weg

Die Pädagogik der Liebe

Die Pädagogik Jesu ist eine Pädagogik der Liebe. Die Liebe leitet das Leben Jesu, sein Denken und Tun. Aus der liebenden Begegnung heraus entwickelt Jesus seine Gedanken und übermittelt den Menschen, was er ihnen zu sagen hat. 

Auch wir erfahren in Emmaus, dass die Liebe schöpferische Phantasie entwickelt. Du gehst anders mit einem Menschen um, wenn du ihn liebst, als wenn er dir gleichgültig ist. Und du wirst mit ihm ganz andere Wege finden können, wenn dein Herz für ihn entzündet ist, als wenn das nicht der Fall ist.

Die Liebe macht die Begegnung warm.

Pädagogik ohne Liebe ist tot. Es kommt nichts rüber. Deshalb sind wir immer wieder gerufen, uns neu auf das Abenteuer der Liebe einzulassen, weil ohne diese Kraft unsere Begegnung stirbt und unser Zusammensein tödlich wird.So erleben auch wir, dass die Echtheit viele Türen aufsprengt, wenn sie mit der Liebe gepaart ist.

Ich erfahre, dass die Echtheit die entscheidende Brücke, zum Beispiel zu den Gefangenen, ist, die die Türen der Herzen aufmacht. Je mehr wir echt sind, desto mehr kommen wir an jene heran, die die Sehnsucht in sich tragen, auch echt zu sein. Und desto leichter machen wir es ihnen, ihre Masken abzulegen und sich zu zeigen, wie sie sind.

Wir setzen viel in Gang, indem wir unser eigenes Leben bezeugen. Zeugnis geben ist ein Weg, nahe zum Menschen zu kommen. Gerade indem wir zeigen, wie wir sind, ermuntern wir die Betroffenen, auch aus sich heraus zu gehen.Oft genügt es, wenn wir aus unserem eigen Leben erzählen. Von unseren Nöten zum Beispiel oder unseren Erfahrungen mit Gott. 

Das ermuntert die Menschen, zu denen wir kommen, auch von dem zu berichten, was sich in ihrem Leben ereignet hat.Das ist der Weg, auf dem Begegnung zustande kommt. Wenn Menschen einander ohne Masken begegnen und sich über das austauschen, was sie erfahren. Dann entsteht Nähe und Vertrautheit.

Wenn wir uns nichts vorspielen, sondern uns zeigen, wie wir sind, in unseren Ängsten und in unserem Ringen, dann entsteht menschlicher Raum für eine familiäre Umgebung.Wir werden so der Ort, wo man sich fallen lassen kann.

Gerade um die negativen Dinge in unserem Leben betrachten zu können, brauchen wir die Umgebung liebender Menschen, bei denen das geborgen ist, was uns bedrückt. 

Nur wenn die Liebe, die uns umgibt, stärker ist als die Dunkelheit, die uns bedrängt, können wir unsere Schuld oder unsere Verletzungen ans Licht kommen lassen und so Reinigung erfahren. 

Wo Herzen sich aufeinander zu bewegen, braucht es in der Regel keine großen Konzepte. 

Gruppenabende müssen nicht sonderlich vorbereitet sein, weil wir erspüren, was dran ist, was die Menschen wirklich bewegt und weil wir Raum geben für das, was im Innern der Menschen ist, statt ihnen unsere Gedanken überzustülpen, die möglicherweise ganz fern von ihrer Lebenswirklichkeit sind.

Wir haben den Weg einer befreienden Pädagogik eingeschlagen. Es geht darum, dass das frei wird, was in den Herzen der Menschen verborgen ist. Denn nichts unterdrückt Menschen mehr als eine unbewältigte Vergangenheit. Verdrängtes vergiftet unsere Seelen und macht uns zu.

Es geht darum, dass wir es lernen, unsere innere Sprachlosigkeit zu überwinden und das auszusprechen, was uns wirklich bewegt. Wie oft überspielen wir Menschen mit unseren Reden das, was in uns vorgeht. 

Mancher braucht keine Drogen, kein Alkohol, wenn er das mitteilen kann, was sich sich in seinem Inneren abspielt.

Ich habe es sogar mitbekommen, dass Vergewaltigungen verhindert worden sind, weil das Opfer den Täter dazu bewegen konnte, über sich zu sprechen. Nach der Lösung des Ventils war der Druck weg, der zur Tat getrieben hatte. Mir scheint es wichtig, dass diese Offenheit unsere Lebensweise wird. Denn wenn wir nur in besonderen Therapiesituationen über uns zu sprechen lernen, werden wir von den alten Mechanismen der Knechtschaft schnell wieder eingeholt. Diese lebendige Pädagogik kann nicht gelernt werden. Wir können sie nicht mit Methoden einüben oder wie Rezepte erlernen, wir können sie nur anwenden, indem wir sie leben. Wenn wir echte und liebende Menschen sind, die sich auf andere wirklich einlassen und sich in sie einfühlen, dann wird uns diese befreiende Pädagogik als Frucht zuteil, fällt uns gewissermaßen in den Schoß, wenn wir echt sind. Nur was ich selber lebe, kann ich letztlich vermitteln, nur das, nicht die Theorie, erreicht die Menschen. 

Ich komme also am Prozess meiner eigenen Menschwerdung nicht vorbei.

Nur in dem Maße, in dem ich selber Mensch bin, werde ich der Menschwerdung anderer dienen können. Weigere ich mich, mich immer wieder neu auf meine eigene Menschwerdung einzulassen, tauge ich nicht, andere Menschen zu führen und zu begleiten.Die Menschen, die selbst unfrei geblieben sind, neigen dazu, andere in das System ihrer Unfreiheit hinein zunehmen.Wer nicht sein eigenes Leben frei gesetzt hat, tendiert dazu, die Normen, mit denen er sein Leben sichert, den anderen überzustülpen. 

Er vertritt Lehre und verhindert Leben. Versorgung hat uns weitgehend unmündig gemacht. Das gilt auf allen gesellschaftlichen Ebenen. Der Konsumbürger ist ein Mensch, der nicht lebt. Die Kirche ist weitgehend tot, weil sie auf Versorgung durch die Priester aufgebaut ist und die Kräfte und Gaben in den Laien nur ungenügend zu befreien vermag.

Natürlich brauchen Betroffene zunächst liebende Sorge, damit sie sich aufmachen können, ihr Leben wieder in die Hand zu nehmen. Denn erst die Erfahrung der Liebe und des Geborgen – seins, setzt in dem – durch eigene Schuld oder das Versagen anderer – Gelähmten die Kraft zum Leben wieder frei.

Wer jedoch ewig betreut wird, wird niemals befreit.Betreuung brauchen nur Unmündige. Wer es nicht oder nicht mehr ist, der wird durch Betreuung entmündigt. Die Sorge der andern hindert den Menschen, die eigene Kraft frei zu setzen. Deshalb ist Aktivierung wichtig. Aktivierung der Fähigkeiten, die im Menschen verborgen sind.

In der urchristlichen Kirche war der Leiter nicht der Manager der Gemeinde, der alles organisiert und veranstaltet hat, vielmehr wird er uns als der „Diener der Gaben aller“ beschrieben.

Es geht darum, den Menschen zu helfen, ihre Gaben freizusetzen. 

Eine Gemeinschaft blüht, wenn jedes Glied sich einbringt. Eine Gemeinschaft stirbt, wenn alle auf den Einen schauen, von dem scheinbar das Leben kommt.Es ist für mich faszinierend zu beobachten, welche Gaben in Menschen frei werden, wenn sie umkehren und sich neu auf das Leben, auf die Liebe und auf Gott einlassen. Wir brauchen da nicht quälend nach Gaben suchen, denn diese brechen als Frucht der menschlichen Erneuerung auf.Oft habe ich beobachten können, das Menschen, die als arbeitsscheu galten, in dem Moment einen Zugang zur Arbeit fanden, als sie wieder ein Ja zum Leben gesagt hatten und ihre Lebenskräfte wieder frei wurden.

Wer sein Leben nicht annimmt, hat auch keine Kraft dazu, sich für andere einzusetzen und auch nicht sein eigenes Leben zu meistern. Erst wenn die Lähmung des Lebens durchbrochen ist, ist die Kraft zum Leben wieder da und schöpferische Phantasie kann wieder frei werden.

Br. Jan Hermanns

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