Eine Gemeinde auf dem Weg

aus : Worte an Politik und Gesellschaft zum Missbrauch

In meinem ganzen Gefängnisdienst ist mir immer wieder bewusst geworden, dass Strafe einerseits schon berechtigt ist, sein muss, dass jeder, der Unrecht tut, auch die Folgen tragen soll. Dass es aber mit dieser Bestrafung allein nicht genügt, wenn nicht auch die Antwort der Liebe und Versöhnung erfolgt.

Und das gilt noch im verschärfterem Maße für Straftäter, die andere Menschen sexuell missbraucht haben.

Je härter nur Strafe – das ist meine Beobachtung – ohne Versöhnung, desto zerstörerischer sind die Folgen. 

Und alle, die in der Öffentlichkeit für diesen Hardliner – Kurs das Wort ergreifen – und da wende ich mich ganz besonders an christliche Politiker – werden schuldig, wenn sie nicht auch Maßnahmen der Liebe ergreifen.

Es ist kein christlicher Kurs, nur die Strafe, ohne die Versöhnung. 

Wie soll ein Mensch aus dem Sumpf herauskommen, der nur sanktioniert wird, aber nicht neu geliebt wird.

Wir brauchen die Antwort der Liebe.

In einem Raum der Liebe, werden sich Opfer wie Täter öffnen können. In einem Raum der Liebe wird diese Gefängnis aufgebrochen, was immer wieder zu solchen furchtbaren Taten führt.

Wer nach Bestrafung schreit, der soll sich zuerst für Versöhnung einsetzen.

Das Problem, liebe Schwestern und Brüder, ist nicht von Politik und Gesellschaft zu lösen, auch wenn Politik und Gesellschaft gefordert sind, Antworten zu geben. Es braucht unser aller Antwort. Die Ursache des Problems liegt in der menschlichen Isolation. Sie ist die zentralste Wurzel für den Missbrauch.

Es gibt noch weitere Wurzeln, die beim Namen genannt werden müssen. Es sind jene, bei denen es um Sexualisierung geht und um Gewaltverherrlichung

Wir können nicht auf der einen Seite Triebhaftigkeit und Gewalt fördern und auf der andern Seite uns über den entrüsten, der in diesen Sog hineingeraten ist, sich nicht mehr kontrollieren kann.

Es steckt ein Pharisäismus in unserer Gesellschaft, es ist wahrlich nicht zum Aushalten:

Gerade jene, die Menschen versuchen, empören sich über jene, die der Versuchung erliegen.

Wir können nicht Sexsucht fördern und uns beklagen, wenn es zum Missbrauch kommt. 

Wir alle brauchen Umkehr, eine Umkehr zur Liebe, weg von der Triebhaftigkeit, vom Sexismus, von der Gewalt, von der Zerstörung. Eine Umkehr zur Wahrhaftigkeit und zur Liebe. 

Wir brauchen eine Kultur der Liebe, wie Papst Johannes Paul der Zweite, das einmal formuliert hat. Eine Kultur der Echtheit, eine Kultur des Erbarmens. Wir alle müssen Liebende werden. Nur so kann dem Missbrauch wirklich begegnet werden.

Solange wir Menschen isolieren und ihnen keinen Raum geben, sie in unseren Armen zu bergen, solange wird es weiterhin massiv zum Missbrauch kommen werden. Und auch wir sind gerufen, nicht nur auf den Symptomen herum zu hauen, sondern die Ursachen zu bekämpfen, auch die Ursachen, die in uns selber liegen. 

Wenn ein Mensch, der zum Beispiel zu sexuellem Missbrauch neigt, in seiner Umgebung keinen finden kann, mit dem er über diese gefährliche Neigung sprechen kann, dann kann es sein, dass es nur eine Frage der Zeit ist, dass diese Neigung zum Durchbruch kommt. 

Und wir können nicht die Täter verurteilen, wenn wir andererseits ihnen überall Köder hinhalten, wenn die Hurerei zur Normalität wird, zu einem progressiven, fortschrittlichen Verhalten.

Wir können nicht die Geister rufen, die wir dann nicht mehr loswerden. 

Und ich sag in aller Klarheit, in unserer Zeit werden Geister gerufen, die wir nicht mehr loswerden. 

Und wir preschen dann auf jene ein, die diesen Geistern erlegen sind, machen sie zu Sündenböcken, um uns freizusprechen. 

Wir alle sind gerufen, die Antwort der Liebe zu geben, auch als Antwort auf die sexuelle Gewalt. 

Die Liebe macht den Menschen neu, die Liebe verändert, die Liebe wandelt um. Wir brauchen das Erbarmen Gottes.

Liebe Schwestern und Brüder, in der Vergangenheit war der Moralismus die Macht, die Menschen in die Enge und auch in die Zerstörung getrieben hat. Mittlerweile hat eine sogenannte sexuelle Befreiung stattgefunden, deren Auswirkungen, wie mir scheint, noch massiver sind – jedenfalls in unserer Zeit – wie die des Moralismus. 

Ich frage mich, ob es heute mehr Neurosen gibt, weil Menschen sexuell verklemmt sind oder mehr Neurosen, weil Menschen sozusagen sexuell „befreit“ sind, sexsüchtig geworden sind, infolge dieser Befreiung, weil eine Hurerei entstanden ist, die sich als sexuelle Freiheit und fortschrittliches Verhalten tarnt.

Wenn jene, die den Menschen behandeln, ehrlich wären, müssten sie wahrscheinlich eingestehen, dass jene sexuelle Befreiung, die nicht mit der Liebe gepaart ist, eine der größten Krankheitsursachen unserer Zeit ist.

Wir können nicht die Täter verurteilen, wenn wir nicht auch diese falsche Schiene wieder verlassen!

Es ist mir fern, liebe Schwestern und Brüder, ein neues moralisierendes Wort zu reden. Es geht nicht um Moralisierung oder Sexismus, es geht um die Liebe. Es geht auch darum, dass Sexualität wieder Ausdruck von Liebe ist!

Unsere Sexualität ist, ich sage es ungeschminkt, Hurerei und nichts anderes als Hurerei.

Ich rede nicht gegen die Sexualität, ich spreche für die Liebe. Und ich fordere dazu auf, dass wir zurückkehren zur Liebe. Dass wir dem sexuellen Missbrauch die Stirn bieten. Jenen sexuellen Missbrauch, der auch mit jener sexuellen Freizügigkeit beginnt, die von vielen, auch von Medien, als der Fortschritt gefeiert wird. 

Es ist wichtig, dass wir schauen, wo die Anfänge sind. Dass wir diesen Anfängen wehren. 

Es ist wichtig, dass eine Umkehr erfolgt, auch eine gesellschaftliche Umkehr. Neu zur Liebe hin, weg von einer Freiheit, die im Grunde nur Missbrauch ist.

Wie können wir den sexuellen Missbrauch verurteilen, wenn wir andererseits den sexuellen Missbrauch insgesamt fördern und legitimieren!

Auch in dieser ganzen Problematik werden Opfer zu Tätern. Und wir trampeln auf den Tätern herum, obwohl sie noch Opfer sind. Und wir gestehen uns nicht die eigene Schuld ein, setzen nicht bei uns selber an, setzen nicht an bei der Befreiung zur Liebe. 

Die Befreiung zur Liebe ist die Antwort auf diese ganze Not. Nur durch Befreiung zur Liebe werden wir der Not begegnen können. Wir brauchen wahrlich eine moralische Revolution, nicht eine Anti- Sexualtäts-Revolution, sondern eine Revolution der Liebe!

Was heißt das alles konkret, hinsichtlich der derzeitlichen gesellschaftlichen Diskussion über den sexuellen Missbrauch?

Ich möchte noch zu einigen Klarstellungen kommen. 

Ich bin durchaus für Strafverschärfung und auch für Sicherheitsverwahrung für Sexualtäter, die nicht an sich arbeiten, die nicht umkehren.

Der Schutz der Opfer ist vorrangig vor der Freiheit der Täter. Dazu bekenne ich mich.

Es hat niemand einen Freibrief, auf Menschen losgelassen zu werden, wenn er gefährlich ist. Und ich weiß auch von manchem Täter, dass er froh war, als er inhaftiert worden ist, weil er selbst seine triebhafte Handlung nicht mehr stoppen konnte und es nicht mehr in eigener Gewalt hatte, Menschen nicht weiter Leid zuzufügen. 

Dieses Stoppen ist berechtigt. Dazu sind auch Staat und Gesellschaft verpflichtet. Es ist eine Herausforderung an die Politik, auch Menschen von Schädlichkeit zu schützen.

(In ähnlicher Konsequenz wäre allerdings dann auch Schutz vor der Schädlichkeit der Verursachung durch Gewaltverherrlichung und Pornografie da zu diskutieren.)

Es ist wichtig, dass wir die Opfer oder die potentiellen Opfer schützen, aber genauso wichtig, dass wir den Tätern oder den potentiellen Tätern helfen durch Maßnahmen der Liebe, der Begegnung des Sprechens, durch Aufarbeitung des Problems, durch Unterbrechung der Kultur des Schweigens, der wahrlich nicht nur Opfer und Täter anheim gefallen sind, sondern wir alle.

Wir müssen es lernen, mit den Menschen wieder über ihre Probleme zu reden, dass Offenheit entsteht, dass diese Verdrängungen nicht so stattfinden.

Und dennoch ist meine Antwort – und ich glaube, auch die Antwort Jesu – Erbarmen statt Vernichtung.

Wir dürfen nicht einerseits die Knasttüre zuschlagen, ohne zugleich die Hand zur Versöhnung zu reichen, die Tür des Herzens, die Tür der Hilfe, aufzumachen.

Wir müssen auch die Auseinandersetzung mit dem Täter suchen. Und wir dürfen den Täter hinter Schloss und Riegel lassen, wenn er nicht aufbricht und neu beginnt.Ich weiß, liebe Schwestern und Brüder, dass ich damit ein ganz schwieriges Kapitel aufschlage. 

Ich weiß, ich bin selber auch hilflos bei dem Gedanken, dass der Täter – wenn solcher Therapiedruck auf ihn ausgeübt wird – Gefahr läuft, ähnlich wie durch die Drohung der Strafe, durch den Druck sich nur weiter zu verhärten, zu verschließen. 

Therapie als Auflage wird nur greifen können, wenn Menschen, dem Täter so in Liebe begegnen, dass er die Angst verliert – dass die Angst geringer wird, für sein Vertrauen, dass er zu diesen Menschen aufbauen kann.

Druck allein reicht nicht aus. 

Der Druck darf keinesfalls stärker sein als die Liebe. Die Liebe ist schließlich die Heilkraft. 

Die Umkehr zur Liebe, die der Täter braucht, die aber auch der Politiker braucht, die auch die Umwelt braucht, die Umkehr zur Liebe, die wir alle brauchen, sonst sind wir alle Opfer und Täter.

Br. Jan Hermanns

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